isp-ag demokratie und wirtschaft
Geschmack und Profitmaximierung
Die ideologisch-ökonomischen Anhänger der Profitmaximierung erschließen immer neue und ergiebigere Betätigungsfelder. Sie (Banken, Versicherungen, Anlageberater, Renditenjäger etc.) stellen sich und ihre Handlungen als die neuen Heilsbringer für die Gesellschaft dar. Deshalb wird jeder gewinnmögliche Bereich der Gesellschaft - so auch der Nahrungsmittelmarkt - in seiner ganzen Breite vom Profitdenken durchdrungen. So werden auch die Lebensmittel in immer größeren Ausmaß global zum Profitobjekt und entfremden sich immer mehr von ihrer natürlichen, lebenserhaltenden und kulturell differenzierten Funktion.
Der Verfall der nationalen und ethnischen Nahrungskulturen durch die globale Vereinheitlichung der Speisenzubereitung ist unübersehbar. Der Hauptgrund ist die globale Integration der Agrarwirtschaft und der Lebensmittelproduktion in den ökonomischen Akkumulationsprozess der Selbstverwertung von Kapital. Die Anpassung und Vereinheitlichung des täglichen Nahrungsmittelbedarfs der Menschen an die Bedingungen der Profitmaximierung ist mit der weiteren Globalisierung der letzten Jahre in ein neues Stadium eingetreten. Der Konzentrationsprozess sowohl in der durchrationalisierten Agrarproduktion als auch bei den Handelsbetrieben in wenigen Händen führt zwangsläufig zu einer globalen Geschmacksvereinheitlichung: Was keinen Gewinn bringt wird aussortiert.
Das kulturelle Bedürfnis nach individueller und ethnisch unterschiedlicher Speisenzubereitung in den Haushalten der Lohnabhängigen wird kontinuierlich durch die multinationalen Agrarkonzerne zurückgedrängt und weiter vereinheitlicht. Die industriell hergestellten Lebensmittel - genbehandelt oder künstlich gezüchtet - werden als Zeitersparnis für die arbeitende Bevölkerung angeboten und gleichzeitig werden die Konsumenten von ihrer sozialen Arbeit als Kultur im Haushalt enteignet. Der Konsument - das angeblich individuelle, selbst bestimmende Lebewesen - wird instrumentalisiert und genormt, um der Kapitalverwertung ein weiteres Betätigungsfeld zu gewährleisten.
Quasi als Vorspiegelung falscher Tatsachen für die Mehrheit der Bevölkerung, gibt es in den Medien Gesellschaftsberichte über betuchte Mitbürger mit einer schier endlosen Huldigung der von Haubenköchen zubereiteten Speisen. Dieselbe "Elite" setzt jedoch als Management der Wertvermehrung von Geld in den Lebensmittel- und Handelskonzernen beruflich die Vereinheitlichung von Geschmack durch. Die Banken als Geldgeber sind ebenfalls wesentlich an diesem Kulturverfall bei Speis und Trank beteiligt. Der Endzweck der Wertsteigerung von eingesetztem Geld, investiert in eine nicht sozial und ökologisch verantwortliche Agrarindustrie, geht vor.
Während also die "Elite" dem BIO-Genuss guter Speisen huldigt, muss die Mehrzahl der arbeitenden und pensionierten Menschen auf Grund des ökonomischen Sozialabbaus der Schnäppchenjagd huldigen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Immer schneller frisst sich das maßlose Kapital (1) in die gesellschaftlichen Eingeweide des guten Geschmacks, um seinen Geschäften nachzugehen. Alle chemischen Möglichkeiten (Aromastoffe, Haltbarkeitsmittel usw.) werden aktiviert, um die Lebensmittel profitorientiert vermarkten zu können (2). Die Anforderungen, den effizienten und raschen Kreislauf des Geldes sicherzustellen, beeinflussen zusätzlich die Verpackung, welche wieder im Handel als Sparpotential beim Personal zum Tragen kommt, jedoch als Müllproblem auf die gesellschaftlichen Ausgaben zurück fällt. Trotzdem werden unglaubliche Mengen an Nahrungsmittel auf Grund ihrer begrenzten Haltbarkeit vernichtet. Was bei den vielen hungernden Menschen auf der Welt die Unmenschlichkeit des herrschenden Wirtschaftssystems unter Beweis stellt (3). Verweigert sich ein Hersteller und Lieferant den Vorschreibungen der Großhandelsketten wird er aus dem Sortiment ausgeschlossen. Sowohl das Personal im Handel als auch die Hersteller werden zu Ausgegrenzten im Geldverwertungsprozess sowie ihrer Lebensgrundlage beraubt.
Die traurige Schlussfolgerung daraus ist, dass der Geschmack in hohem Maße der Profitmaximierung untergeordnet wird. Sie gibt vor, was der arbeitenden Bevölkerung zu essen geboten wird. Der Einheitsbrei ist nicht mehr fern (4).
Die Verwertung von Kapital ist vielseitig. Die Großhandelsketten und ihre Geldgeber sowie Aktienbesitzer treten in ihren Funktionen Vertrieb und Bank als bestimmender Faktor in der Agrarpolitik auf. Der Bauer mit seiner "natürlichen" Selbstständigkeit auf Grund seines Spezialwissens und Grundbesitzes soll als unabhängiger Versorger - von Banken und Saatanbieter gleichermaßen reglementiert - der Bevölkerung im nahen Umland ausgeschaltet werden. Da die "freie Marktwirtschaft" durch geliehenes Geld erst lebensfähig ist, bestimmt der Finanzmarkt auch die Bedingungen für die Herstellung von Agrarprodukten. Bei der Zuckerproduktion neuerdings sogar den Ort. Die Agrarprodukte und die Lebensmittel mit hohen Profitraten werden gefördert. Nicht konforme Methoden und Ordnungen werden zerstört oder ausgegrenzt. Die Kapitalverflechtung der Agrarproduktion und des Handel ist heute der bestimmende Faktor bei der Lebensmittelversorgung.
Den Speiseplan erstellt der Profit.
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