Thesenpapier zur 3. Themenkonferenz zum Thema
Jugend gegen rechts / Rechtes Denken
Der Zusammenbruch des real existierenden "Sozialismus" beendete auch die Systemkonkurrenz zwischen den "westlich-demokratischen" Ländern und den "bürokratisch-diktierten" Staaten des Ostens. Bis 1989 konnten dem Kapitalismus in dieser Systemauseinandersetzung zeitweise soziale Zugeständnisse für die Lohn- und Gehaltsabhängigen abgerungen werden. Durch seine heutige Alleinherrschaft kann er sich kontinuierlich seiner Fesseln entledigen und als ungezügelter "Turbokapitalismus" expansionistisch die gesamte Welt erfassen, sowie innerhalb des eigenen Systems die Ausbeutung verschärfen ("Rationalisierungen", Arbeitsintensivierung, Ausweitung der Arbeitszeit, u.ä.m.). Zu den Zeiten der "Wende 1989" jedoch sah noch fast jede bürgerliche politische Richtung sowie auch die Sozialdemokratie ihre Weltanschauung im Aufwind.
Allerdings sollte sich bald herausstellen, daß nicht nur die kommunistischen Parteien "alter Prägung" mit ihrer Vorstellung über den Sozialismus massiv diskreditiert waren, sondern auch die Sozialdemokratie mit ihrem Streben nach einer gerechten Gesellschaft. Sehr bald brach weltweit eine Medienlawine ungeahnten Ausmaßes los, die jede nur erdenkliche Interpretation und Fruchtbarmachung der sozialistischen und sozialdemokratischen Erkenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge, politische Ziele, philosophische Deutungen des menschlichen Seins und Handelns für immer aus dem Bewußtsein der menschlichen Wahrnehmung löschen will! Es wird wieder geflunkert, daß egoistisches Verhalten und Handeln der "Natur des Menschen" entspringe - soziales Engagement wird höchstens noch als Gnadenakt der Erfolgreichen gegenüber den "ModernisierungsverliererInnen" verstanden.
Unter diesem sozialen Druck tauchen bereits wieder Lebensphilosophien sehr alten Strickmusters auf, die auch bei vielen Lohn- und Gehaltsabhängigen vor allem in Resignation oder aggressives "Auffinden" diverser Feindbilder ("Sozialschmarotzer", "Ausländer", "natürliche Rolle der Frau", usw.) münden.
Deshalb müssen wir erneut die Frage nach dem "Warum" und "Wie" dieser Entwicklung stellen. Dies soll durch Aufwerfen einiger Orientierungsfragen sowie dem Vorstellen politischer Konzepte einer engagierten, sozialistischen Politik innerhalb und außerhalb der SPÖ erfolgen:
Wie kommt "rechtes Denken" zustande?
Gerade heute meinen wir, historische Vergleiche seien nicht mehr möglich, da wir in "völlig neuen Verhältnissen leben". Doch allem voran zeigen diskriminierende Äußerungen von Jugendlichen (und manchmal bereits von Kindern) gegenüber sozial benachteiligten Gleichaltrigen oder solchen mit anderer Muttersprache als deutsch, daß offensichtlich noch immer stark wirkt, was unserer Jugend "mit auf den Weg gegeben" wurde - gleich, ob es durch das "liebende Elternhaus" oder bei fehlender Betreuung durch gegenseitiges "Erziehen" Gleichaltriger zustandekam!
Somit wird die Binsenweisheit klar, daß wir viele Jahre unseres Lebens mit vorgegebenen Orientierungen ("Vor-Urteilen") operieren. Und diese finden in allen Lebensbereichen in jedem Alter statt:
Daraus ergibt sich ein Konglomerat an verschiedenen Denk- und Handlungsmustern, die wir durch unsere Sozialisation in unserer widersprüchlichen Umgebung "eingeimpft" bekommen haben. Eine Skala des Spektrums an Einstellungen könnte z.B. folgendermaßen aussehen:
faschistisch---reaktionär---konservativ---apolitisch, privatisiert---sozialromantisch---sozialreformerisch---demokratisch-sozialistisch---stalinistisch
Hierzu könnten einige Fragen lauten:
Wie sehr stimmen die Menschen zwar der Darstellung sozialer Ungleichheiten und den Mechanismen verschiedener Machtausübung (in Wirtschaft und Politik) zu, können sich aber nicht die Möglichkeit einer funktionsfähigen sozialistischen Alternative vorstellen, oder haben Illusionen in den "good-will" des kapitalistischen Systems?
Welche Mischung aus den einzelnen Einstellungen können wir in den alltäglichen Argumentationen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorfinden?
Welches persönliche Lebensgefühl (Ängste, Wünsche,...) drücken diese ab- und ausgrenzenden Argumentationen aus, und welche bürgerlichen Ideologien sind darin enthalten?
Inwieweit handelt es sich um berechtigte Sehnsucht nach sozialer Sicherheit, sozialer Anerkennung ("Geborgenheit"), usw., aber durch den materiellen Verteilungskampf auch bis hin zu Ausgrenzungen, aggressiven Haltungen, Sexismus, Rassimus?
II) Wie wird heute "rechtes Denken" vermittelt?
Da wir unter bürgerlich-demokratischen Konkurrenzverhältnissen leben, scheint auch eine grenzenlose Meinungsfreiheit zu herrschen. Somit stimmen die meisten Menschen in den Chor der UnterstützerInnen jener Ideologie ein, daß es jedem Denkansatz möglich sei, sich Gehör zu verschaffen und um die Erringung entsprechender Stimmenanteile zu kämpfen.
Doch welche Lehrinhalte und welche Lehr- und Lernformen sind noch immer vorherrschend?
Gerade auch im Erziehungs- und Bildungsbereich zeigen sich die verschiedenen Vorstellungen über die "Vorbereitung auf den Ernst des Lebens", d.h. soll die Heranbildung solidarisch-orientierter Menschen gefördert werden, oder wollen wir im Rudel der "Sich-durchs-Leben-Kämpfenden" mitheulen? Trotz dieser scheinbar offenen Diskussionsmöglichkeiten erscheinen sozialkritische Theorien und entsprechende politische Bewegungen nur unter "ferner liefen" in den Medien, bzw. wird ihr Wirken auf der Welle der Ideologie der "Ellbogengesellschaft" als "leider auch notwendiges Engagement für die Bedürftigen" an Wohltätigkeitsvereine wie die CARITAS delegiert. Deren AktivistInnen gelten im selben Moment als "Helfer in der Not" - aber nur in den seltensten Fällen als Vorbild für das eigene Verhalten, denn: "Man(n) steht ja im Kampf um die Karriere"! Darüberhinaus würden ohnehin nur jene Menschen gepflegt, deren Schicksal man selbst NIE erleiden werde.
Daraus ergibt sich ein großes Problem für das Öffentlichmachen sozialer und kultureller Gegenmodelle als Vorbild für die Kinder und Jugendlichen. Seit Anfang der 90er Jahre ist auch die intensive Beschäftigung mit sozial alternativer Erziehung in Schulen immer stärker dem Argument, lieber das "Wesentliche fürs Leben" zu lernen, d.h. sich durchsetzen zu können, seitens der "Wirtschaft" ausgesetzt.
Die Mixtur aus persönlicher Hoffnung, persönlichem Wunschdenken, aber auch verdrängter Angst um die eigene existentielle Absicherung der Zukunft bei den Erwachsenen wird uns mit allen Pauken und Trompeten von den IdeologieträgerInnen des scheinbar so freien Wirtschaftssystems des Kapitalismus in die Köpfe gehämmert. Z.B. über folgende Kanäle:
Bildungseinrichtungen des rechten Weges (FPÖ, ÖVP, LIF, Scientology und andere Sekten,...) uäm.
Wir sollten die "persönlichen Lebensphilosophien", die sich angeblich jede/r heute aus dem großen "Supermarktangebot der Lebensstile" herauspicken könne, auf die in Wirklichkeit vorgefertigten und in die Menge geworfenen Konzepte untersuchen.
III) RECHTSEXTREMISMUS
Wir haben bisher stichwortartig aufgezeigt, daß wir in der "breitenwirksam" angelegten Gehirnwäsche der einzelnen Bevölkerungsschichten, und damit auch der Jugend, ein großes Problem für das Verbreiten einer klaren sozialistischen Politik sehen. Der RECHTSEXTREMISMUS stellt in diesem Meinungsbrei "nur" die gewaltbereite Spitze dar. Wir müssen aber genauso klar solche Phänomene wie die beifallklatschenden Horden rund um das brennende AsylantInnenheim in Rostock beachten und deren Motivation sowie die Unterlassung jeglicher Hilfe für die AsylantInnen erfragen!
Die Vorurteile der Menschen heute repräsentieren zusammengekleisterte Fragmente politischer und philosophischer Auseinandersetzungen der letzten Jahrhunderte. Sie wiederum fungierten als ideologische Waffen der konkurrierenden, politisch - mehr aber noch wirtschaftlich - um die Vorherrschaft kämpfenden Gruppen und Klassen. Auch innerhalb der aufstrebenden bürgerlichen Klasse fochten beharrende sowie fortschrittliche Ansichten um ihre Durchsetzung. In eben diesem Widerspruch bewegt sich das heutige rechte Denken: Hauptsächlich streiten sich die Ideologie der
kulturell-anthropologischen Bestimmung des Menschen, welche sich in Traditionsvereinen, Brauchtumspflege, Heimatvereinen, u.a. manifestiert mit der Zielsetzung, die "natürliche Ordnung" nicht zerstören zu lassen. Sie richtet sich sowohl gegen die, von den arbeitenden Menschen geschaffenen, sozialen Veränderungen sowie gegen jegliche Zerstörung der "Idylle Heimat" durch den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Der heute wirksame "Turbokapitalismus" benutzt stattdessen vorrangig die Ideologie des
freien Menschens mit seinem freien Willen und dem natürlichen Trieb des Kämpfens und Erfolgsstrebens
Hier wurden die Forderungen der Bürgerlichen Revolution ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit") pervertiert in "Freiheit, Weiterkommen, Übertrumpfen"!
Die Zusammensetzung dieser Ideologien bestimmt sich aus den
IV) Historischen Wurzelns des rechten Denkens /Gedankengutes:
Ein Auszug wichtiger Theorien mit ihren dogmatisierten Erscheinungsformen:
Biologismen (z.B. Konrad LORENZ)
Sozialdarwinismus (GOBINEAU, u.a.)
theologisch-politisch: Überlegenheitsideologien katholischer, aber v.a. protestantischer Bünde und Sekten, z.B. "Christian Coalition" / USA
Säkularisiert: Vom Liberalismus zum Faschismus: Der Überschlag ursprünglich fortschrittlicher bürgerlicher politischer Ideen der Französischen Revolution zu den reaktionären Elitetheorien des 19. und 20. Jahrhunderts.
Weiterwirkende Reste vorindustrieller Normen und Verhaltensvorschriften: Gewohnheit, Tradition (Sitte und Brauch)
Als ein wichtiges Kriterium für den Charakter einer umfassenden Analyse müssen wir immer die Rolle der handelnden Personen in Verbindung mit den gesellschaftlichen Strukturen im Auge behalten! Darausfolgend "präsentiert" sich uns heute eine NEOLIBERALE WIRTSCHAFTSPOLITIK im Einklang mit der egoistischen SELBSTVERWIRKLICHUNGSIDEOLOGIE!
Somit stehen wir am Ende des 20. Jahrhunderst wieder vor einer ähnlichen Aufgabe wie die Aufklärer der letzten 200 Jahre und müssen alle nur möglichen Diskussionsprozesse und Initiativen zum sozialistischen Handeln in Gang setzen, um nicht der derzeit übermächtigen veröffentlichten Meinung mit Rechtfertigungen für eine "Ellenbogengesellschaft" das Feld zu überlassen!
Als weiterführende Literatur in diese Thematik empfehlen wir:
HINDELS, Josef: Warum sind wir Sozialisten, Hg. Sozialistische Jugend Österreichs (1969).
Kinderfreunde (Hg.), "Sozialistische Erziehung", Nr. 1, März 1995.
Kinderfreunde (Hg.), "Sozialistische Erziehung", Nr. 3, Sept. 1995.
ADLER, Alfred: Kindererziehung, 1976 (1930).
JUNIUS (Hg.): "Sozialismus und persönliche Lebensgestaltung, Texte aus der Zwischenkriegszeit" (1981).
FETSCHER, I.: Grundbegriffe des Marxismus, eine lexikalische Einführung (1976, 1979).
MARX, K.: "Ökonomisch-philosophische Manuskripte" (1844).
KÜHNL, R.: "Formen bürgerlicher Herrschaft" (1971).
SWEEZY, P.W.: "Theorie der kapitalistischen Entwicklung" (1970).
FENSKE, H. / MERTENS, D. u.a.: "Geschichte der politischen Ideen", Fischer (1987, 1996).
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