DIE WAHRHAFTIGKEIT

Die Welt und Österreich leiden unter zwei Plagen: der Armut und der Veränderung der Umwelt. Die Vehemenz, mit der Politik und Massenmedien die zwei Plagen ins Zentrum ihres Handels stellen und kommentieren, lässt Schlimmes erahnen und befürchten. Die Hintergründe für das intensive Interesse sind durch die verwendete Sprache zu erkennen. Das Wort Solidarität wird zum Modewort. Die einen sollen den anderen helfen. Die einen sind die besser verdienenden lohnabhängig Erwerbstätigen, die anderen die schlecht bezahlten Lohnabhängigen. Das ist das „Neue“ in der Politik, denn das „Alte“ der Einforderung nach Umverteilung von Reich zu Arm gefährdet laut der Theorie der Wirtschaftsexperten den Fortschritt und das Wachstum. Die Einforderung von Solidarität aus dem Mund jener zu vernehmen, die tagaus und tagein solidarische Vereinigungen von lohnabhängigen Erwerbstätigen als veraltet erklären, ist an Deutlichkeit und Absicht nicht zu übertreffen. Denn Wohlstand kann den „Wirtschaftsexperten“ zufolge nur durch eine Leistungsgesellschaft und durch Individualität bei Tätigkeit und Löhnen gesichert werden.

 

Die Armut und die Leistungsgesellschaft werden in der Sprache des neuen Liberalismus als Zwillinge gezielt eingesetzt. Fast scheint es, als wäre die Armut ein Auswuchs der Faulheit des Einzelnen, des Unwilligen, des Arbeitsverweigerers. Die verwendete Sprache entpuppt sich als ein Wegbereiter für die gezielte Umgestaltung einer mit mehr oder weniger sozialen Rechten ausgestatteten Gesellschaft. Zu guter Letzt wird die Armut als „Naturgesetz“ der menschlichen Gesellschaft marketinggerecht „verkauft“ und die Veränderungen in der globalen Umwelt als Damoklesschwert gegenüber den Menschen eingesetzt. Der Wegbegleiter für die gezielte Umgestaltung der Gesellschaft ist die Angst. Aus dieser Perspektive scheint sich der Kampf gegen die Armut und die Umweltzerstörung in einer Ablaßzahlung aus dem Finanztopf der Lohnsteuerzahler und Preiserhöhungen zu erschöpfen. Die ArbeitnehmerInnen werden zu Individualisten geformt, um sie dann im täglichen Überlebenskampf allein zu lassen. Solidarität bei den Kosten, Individualität beim Nutzen heißt die kapitale Zauberformel.

 

Die neue Generation von Krisenmanagern in der kapitalistischen Wirtschaft haben die alten Ziele aber neue Wege. Das alte Ziel, die Löhne senken und den Profit zu erhöhen, ist geblieben und wird weiter am Leben erhalten. Es hat sich also nur an der Oberfläche, in den Managementmethoden etwas geändert. Die Symptome werden behandelt, die Ursachen verschwiegen. Das System ist auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsgesetze ausgelegt und es bleibt die wichtigste Anforderung, Ruhe und Ordnung im System zu sichern. Ein Ausspruch lautet: „Je mehr leistungsbereite Menschen vorhanden sind, desto wohlhabender wird eine Gesellschaft sein.“ Dieses oberflächliche Herangehen bedarf einiger Fragen, die auf Antworten warten:

 

1.        Warum ist das einzige Wirtschaftssystem, die kapitalistische Produktionsgesellschaft, nicht in der Lage, für alle Menschen arbeitsreiche und sorgenfreie Lebensbedingungen zu schaffen?

2.        Warum macht die bedarfsorientierte Mindestsicherung Österreich gegen die Armut „wasserdicht“, wenn die Schleusen für eine profitorientierte Warenproduktion und einen ebensolchen Finanzmarkt offen bleiben?

3.        Wer kommt bei der Einführung der Mindestsicherung für die öffentlichen Mehrausgaben auf?

4.        Wer ist für die Höhe des Auszahlungsbetrages verantwortlich und welche demokratischen Einspruchsrechte über dessen Höhe gibt es durch die betroffenen erwerbslosen Lohnabhängigen heute und in Zukunft?

5.        Warum werden Steuermittel aus dem Einkommen von lohnabhängigen Erwerbstätigen verwendet, wenn die monopolitische Wirtschaftskraft nicht in der Lage ist, allen Arbeitswilligen das überlebensnotwendige Einkommen durch Arbeit zu vermitteln?

6.        Warum gibt es keine nachvollziehbare Umverteilung von Reich zu Arm bei der Realisierung der bedarfsorientierten Mindestsicherung?

7.        Oder findet die Umverteilung nur im Topf der Steuereinnahmen der lohnabhängig Erwerbstätigen statt?

8.        Warum werden gesellschaftliche und mit den Mitteln der ArbeitnehmerInnen geschaffene Solidareinrichtungen privatisiert und den profitorientierten Aktienmärkten überlassen, wenn die Aktienbesitzer nicht fähig sind, für alle Menschen zu sorgen?

9.        Warum sollen die lohnabhängigen Erwerbstätigen für die Kosten der Umweltschäden aufkommen, wenn ihnen bisher keine Alternativen zum Erwerb der lebensnotwendigen Mittel angeboten wurden?

10.     Warum ist Wirtschaftswachstum notwendig, wenn es die Lebensbedingungen der Menschen zerstört?

11.     Warum muss es unbedingt ein Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft um mindest zwei Prozent geben, um das eingesetzte Kapital nicht zu entwerten?

12.     Wer steht im Mittelpunkt der Gesellschaft: der Mensch oder das Kapital?

13.     Was versteht man unter einer Leistungsgesellschaft und wer sind die Nutznießer?

14.     Warum müssen die lohnabhängigen Erwerbstätigen immer mehr Leistung bringen, obwohl das Lohnniveau in seiner Wertsubstanz immer mehr fällt und deshalb die Armutsgefährdung steigt, weil die Preise der lebenswichtigen Notwendigkeiten sich nicht nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen orientieren?

 

Es ist wichtig Fragen zu stellen. Kleinen Kindern spricht die Psychologie gute Entwicklungsmöglichkeiten zu, wenn sie so viel wie möglich fragen. Das Wichtigste an Fragen ist, eine Antwort zu bekommen. Die fordern wir. Egal wer sie uns gibt. Aber es muss eine klare Antwort sein. Sie muss überprüfbar sein. Sie muss die Dunstschicht der sprachlichen und medialen Verschleierung durchbrechen.

 

Wir, die Kinder unserer Zeit.

 

Franz 27/01/2007

 

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